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Die Fälscher sind mit allen Wassern gewaschen, doch auch diejenigen, die ihnen ins Handwerk pfuschen, sind clever: Mit dem Ara Authentic App wird zum Beispiel das Smartphone zum Fälschungsschutz-Scanner gemacht Bild: Ara-Authentic
Gefälscht wird mittlerweile nahezu jedes Produkt und das überall auf der Welt – darüber sind sich die Experten einig. Unternehmen suchen händeringend nach Methoden, um ihre forschungs- und entwicklungsintensiven Originale zu schützen. Der 1. Fälschungsschutzkongress in München gab dazu wertvolle Einblicke in den Stand des technisch machbaren.
Die Fälscher sind mit allen Wassern gewaschen, doch auch diejenigen, die ihnen ins Handwerk pfuschen, sind clever: Mit dem Ara Authentic App wird zum Beispiel das Smartphone zum Fälschungsschutz-Scanner gemacht Bild: Ara-Authentic
Produktpiraterie: Ausgeklügelte Sicherungstechnologien schieben den Plagiatoren einen Riegel vor

Den Fälschern ins Handwerk pfuschen!

Wie ein genetischer Fingerabdruck identifiziert der Secutag-Farbcode zweifelsfrei die Echtheit von Produkt und Marke Bild: 3S Simons Security Systems
Wie ein genetischer Fingerabdruck identifiziert der Secutag-Farbcode zweifelsfrei die Echtheit von Produkt und Marke Bild: 3S Simons Security Systems
Lumineszenzpigmente für das Tailor-Safe-System, die sich ohne optische Hilfsmittel nicht erkennen lassen. Bei Anregung erzeugen die Teilchen ein charakteristisches Lichtspektrum, gleich einem optischen Fingerabdruck Bild: Tailorlux
Lumineszenzpigmente für das Tailor-Safe-System, die sich ohne optische Hilfsmittel nicht erkennen lassen. Bei Anregung erzeugen die Teilchen ein charakteristisches Lichtspektrum, gleich einem optischen Fingerabdruck Bild: Tailorlux

Der Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie APM e.V. schätzt, dass bereits 5 bis 8 % der im Welthandel befindlichen Waren und Produkte von Marken- und Produktpiraterie betroffen sind. Wie hoch die weltweite Schadenssumme in realen Geldbeträgen ist, die durch Produktpiraterie verursacht wird, beruht allerdings ebenfalls nur auf Schätzungen. Wer einmal versucht hat, auf diese Frage eine konkrete Antwort zu finden, wird mit einer Vielzahl an Quellen konfrontiert, die die unterschiedlichsten Zahlen liefern. Allen gemeinsam ist aber die Größenordnung. Eine Schadenssumme im mittleren dreistelligen Milliardenbereich in US Dollar scheint als glaubhaft und wahrscheinlich.

Greifbarer, weil überschaubarer, sind die Zahlen vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau VDMA. In einer aktuellen Studie beziffert der Verband den jährlichen Schaden in seinen Kernbranchen mit 4,5 Mrd. Euro.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang auch die Bilanz der Deutschen Zollverwaltung. Am 16. März 2012 präsentierte der Bundesminister der Finanzen, Dr. Wolfgang Schäuble, in Berlin die Zahlen für das vergangene Jahr. So konnte der Zoll 2011 verhindern, dass gefälschte Waren im Wert von zusammen 82,6 Mio. Euro in den Verkehr gebracht wurden. Davon stammten circa 75 % aus der Volksrepublik China und aus Hongkong.

Fakt ist, keine Branche bleibt von den kriminellen Machenschaften verschont. Ersatzteile, Komponenten und ganze Systeme aus den Bereichen der Automobil-, Flugzeug- und Maschinenbau-Industrie werden ebenso gerne und – mittlerweile auch ebenso erfolgreich – gefälscht wie hochwertige Medikamente, Kosmetika, Luxusgüter oder Sportartikel.

So verschieden die Produktpaletten der genannten Industriebranchen auch sein mögen, der Tenor der Unternehmensvertreter zum Thema Produktfälschung fällt einstimmig aus: Alle sind bestrebt, mit dem Einsatz von hochsicheren Mechanismen den Fälschern ihre unlauteren Aktivitäten deutlich zu erschweren. Denn Fälschungen führen nicht nur zu wirtschaftlichen Einbußen, sie vernichten auch Arbeitsplätze, verletzen das wertvolle Markenimage und sie können den Qualitätsanspruch eines Originalproduktes nachhaltig schädigen. Im schlimmsten Falle können vermeintliche Originalprodukte zu teuren Regressklagen führen oder aufwendige Rückrufaktionen einleiten.

Unternehmen, die den Fälschern einen intelligenten Riegel vorschieben oder im Ernstfall den Nachweis führen können, dass ein versagendes Bauteil nicht aus ihrer Produktion stammt, haben somit erneut einen signifikanten Vorsprung und damit ihre Technologieführerschaft und Innovationskraft unter Beweis gestellt.

Einige der nun vorgestellten Technologien setzen neue Akzente, die es zu prüfen und zu nutzen gilt. Vorgestellt wurden sie auf dem „1. Fälschungsschutzkongress – Sport, Luxus, Konsum & Design", der Ende Januar in München mit Unterstützung von Bayern Design durchgeführt wurde und wichtige Einblicke in den aktuellen Stand des technisch machbaren gab.

Smart: Dünne Schichten als Marker

Die Ara-Authentic GmbH hat hoch fälschungssichere Markierungen auf der Basis ultradünner Beschichtungen entwickelt, die direkt auf den unterschiedlichsten Produkten abgeschieden oder als Etiketten appliziert werden können. Das Produkt Ara Authentic zeigt einzigartige optische Effekte, die nicht nur mit dem bloßen Auge zu erkennen sind, sondern höchst unkompliziert mit einem Smartphone jederzeit und in Sekundenschnelle auf Echtheit hin überprüft werden können.

Abhängig von der Beleuchtung sind für den Betrachter zwei unterschiedliche, brillante Farben an jeder Stelle zu erkennen. Wird die Ara Authentic App auf einem Smartphone installiert, so verwandelt sich dieses zu einem Scanner, mit dem die Echtheit von Produkten einfach überprüft werden kann. Zuerst wird eine blaue Fläche der Markierung ohne Blitzlicht gescannt, dann wird das Blitzlicht eingeschaltet und die App detektiert eine gelbe Farbe an derselben Stelle. Die gemessenen Farbwerte werden intern mit einer Standardreferenz verglichen. Nur wenn die Differenz dieser Farbwerte einen bestimmten Schwellenwert erreicht hat, bestätigt das Smartphone die Originalität der geprüften Oberfläche.

Robust: Rechtssichere Mikro-Farbcodes

Einen rechtssicheren Schutz vor Plagiaten bietet die Secutag-Mikro-Farbcodetechnologie der 3S Simons Security Systems GmbH. Die weltweit kleinsten Mikro-Farbcodepartikel bestehen aus Melamin-Alkyd-Polymeren. Dieser Kunststoff ist äußerst widerstandsfähig, hitzebeständig, lebensmittelecht und resistent gegen die meisten Chemikalien. Die Farbcodes sind für das bloße Auge unsichtbar, können aber jederzeit mit einem handelsüblichen Mikroskop einfach identifiziert werden. Dabei lassen sich vier bis zehn unterschiedliche Farbschichten erkennen, deren Kombination den individuellen Anwendercode ausmachen.

Zu den Vorteilen des Systems zählt seine Eignung für eine breite Produktpalette und seine Flexibilität in der Anwendung. Es lässt sich problemlos in jeden Produktionsablauf implementieren, ohne dass aufwendige Änderungen im Herstellungsprozess erforderlich sind. In der Regel werden die nur wenige Mikrometer großen Farbcodepartikel direkt in die Matrix der Basismaterialien wie beispielsweise in Kunststoffbauteile eingearbeitet, oder sie werden in Beschichtungen wie etwa Lacke, Druckfarben oder Tinten dispergiert.

Das Mikro-Farbcodesystem ist seit über 15 Jahren fälschungssicher. Daher werden die Farbcodes international vor Gericht als Beweismittel anerkannt und lassen sich global zur Verteidigung von gewerblichen Schutzrechten und zur Abwehr von ungerechtfertigten Schadenersatzforderungen und Produkthaftungsklagen einsetzen.

Leuchtend: Lumineszenzpigmente...

Das Tailor-Safe-System der Tailorlux GmbH basiert auf dem Einsatz von Lumineszenzpigmenten, die aus den Elementen der Seltenen Erden aufgebaut sind und in geringen Partikel-Konzentrationen in die unterschiedlichsten Materialien und Lackierungen eingebracht werden können. Die ohne optische Hilfsmittel nicht erkennbaren Marker sind chemisch stabil, extrem hitzebeständig und toxikologisch vollkommen unbedenklich.

Bei Anregung erzeugen die Teilchen ein charakteristisches Lichtspektrum, das quasi einem optischen Fingerabdruck gleicht. In der Anwendung werden die spezifischen Pigmentcharakteristika der verwendeten Markierungen digitalisiert, mathematisch beschrieben und als Datensatz abgespeichert. Ein auf diese Weise erfasstes Produkt lässt sich jederzeit und überall authentifizieren, indem die verwendeten Pigmente per Lichtspektroskopie sichtbar gemacht und in Sekundenschnelle mit den entsprechenden Datenbankeinträgen abgeglichen werden.

„Sogar einzelne Medikamente können auf diese Weise markiert und Patienten so vor gesundheitsgefährdenden Fälschungen geschützt werden", führt Alex Deitermann, Geschäftsführer von Tailorlux aus. Noch sei das eine Vision, „aber wir rechnen damit, dass die zunehmende Anzahl gefälschter Medikamente in fünf bis zehn Jahren zu einer Kennzeichnungspflicht jeder einzelnen Tablette führen wird". Nach Firmenangaben können rund 300 Mrd. individuelle Leuchtpigmente definiert hergestellt werden. Somit wäre die Herausforderung, jede Tablette zu markieren, mit dieser Technologie durchaus machbar. Sie bietet übrigens auch einen interessanten Ansatz für vergleichbare Anwendungen im Bereich von typischen Stückgut-Applikationen.

Organisch: Intelligente Moleküle…

Forscher aus dem Team um Dr. Andreas Holländer vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP in Golm haben ein Verfahren zum Patent angemeldet, das es gestattet, Materialien mit anspruchsvollen Fälschungsschutz-Merkmalen auszustatten. Sie nutzen dazu organische Moleküle, die matrixabhängige Fluoreszenzeigenschaften zeigen.

Bei derartigen Verbindungen werden die Art der Fluoreszenz, also die Wellenlänge und die Intensität des emittierten Lichts, von der Umgebung beeinflusst, in der sich die Moleküle befinden. Umgebungsparameter wie pH-Wert, Viskosität, Härte oder Vernetzungsgrad haben damit einen direkten Einfluss auf die resultierende Fluoreszenz. Diese Eigenschaften kann man ausnutzen, um insbesondere transparente Werkstoffe und Schichten spezifisch zu markieren. Werden zwei oder mehrere dieser Farbstoffe zugesetzt, die auf die gegebenen Materialeigenschaften verschieden reagieren, so entsteht ein komplexes System, dessen optische Eigenschaften nur extrem schwer zu imitieren sind.

Da Fluoreszenz-Phänomene sehr empfindlich nachweisbar sind, genügen ausgesprochen kleine Konzentrationen der Farbstoffe für eine zuverlässige Identifizierung. Mit Konzentrationen im Bereich weniger ppm können selbst Schichten identifiziert werden, die weniger als einen Mikrometer dick sind. Derart kleine Mengen sind visuell nicht festzustellen und beeinflussen nicht die Eigenschaften des Basismaterials. Die chemische Analyse zur Bestimmung der Art und Menge der Zusätze ist für den Fälscher nahezu unmöglich.

Dieser kurze Einblick in das Spektrum der Methoden des modernen Fälschungsschutzes zeigt, dass die Palette an nutzbaren Strategien größer wird, um den Fälschern die Arbeit zu erschweren. Der Trend hin zu immer komplexeren, hochgradig individualisierbaren und nur mit fundiertem Know-how herstell- und auswertbaren Technologien macht Fälschungen nicht unmöglich. Aber der Aufwand für die Fälscher wird größer und auch sie müssen kalkulieren, ob sich ihre Anstrengung dann noch lohnt. Übrigens, der „2. Fälschungsschutzkongress – Sport, Luxus, Konsum & Design" findet am 19. Februar 2013 erneut in München statt.

· Dr.-Ing. Christoph Konetschny www.materialsgate.de

www.faelschungsschutz-kongress.de

Farbcodes sichern Prüftechnik-Verpackungen

Die Konstanzer Ingun GmbH zählt zu den führenden Anbietern von Prüftechnik. Um die Verpackungen von Kontaktstiften zu sichern, die zum Prüfen von Handy-Leiterplatten verwendet werden, hat sich Ingun für die Mikro-Farbcodetechnologie Secutag der 3S Simons Security Systems GmbH entschieden. Dabei werden spezielle Verschlussetiketten mit allen technischen Daten und den Mikro-Farbcode-Partikeln kreuzförmig über alle vier Seiten der Verpackung geklebt. Sie sind im Corporate Design von Ingun gestaltet und zum Fälschungsschutz mit dem individuellen Mikro-Farbcode Secutag versehen. Die variablen Daten und Inhaltsangaben druckt Ingun ad hoc im Thermoverfahren auf. Ihre Applikation ließ sich ohne Veränderung des Produktions- und Verpackungsablaufs realisieren. Die spezielle Form und das Material der Sicherheitsetiketten ist eine zusätzliche Hürde für Nachdruck und Manipulation.

Gefälschte Kontaktstifte können ungeahnte Schäden nach sich ziehen. Denn jede einzelne Leiterplatte wird vor dem Einbau durch Kontaktieren mit den Ingun-Stiften an einzelnen Lötpunkten auf Fehler geprüft. Handelt es sich um Plagiate bei den Kontaktstiften, ist der Test wertlos und kann die Funktion der Leiterplatten und damit des Endproduktes nicht gewährleisten.

„Durch unsere internationalen Messe- und Verkaufsaktivitäten sind wir für das Thema Fälschungen sensibilisiert worden", erklärt Armin Karl, Geschäftsführer von Ingun Prüfmittelbau. „ Durch die Sicherheitsetiketten weiß der Kunde sofort, ob er eine Originalverpackung in den Händen hält und ob die Schachtel bereits geöffnet wurde. So wird er vor billigen Imitaten geschützt. Ein weiteres Entscheidungskriterium für dieses Produktschutzsystem war die Rechtssicherheit von Secutag."

Mit Erfolg gegen Produktpiraten

Dass Plagiatoren nicht nur das Design von Produkten imitieren, zeigen die Erfahrungen des Armaturenherstellers Grohe in Porta Westfalica. Meist werden auch Technologien und Materialien gefälscht, was in der Regel die Qualität mindert und die Lebensdauer verkürzt. Bei Armaturen ist dadurch die Sicherheit vor Verbrühungen nicht mehr gegeben ebenso wenig wie die Geräuschreduktion und die Gewissheit, dass trinkwasserrechtlich freigegebene Materialien verwendet wurden.

Grohe geht daher seit Jahren gegen Produktfälscher vor. Zu den jüngsten Erfolgen gehört nach Unternehmensangaben die Vernichtung von mehr als 21 000 plagiierten Sanitärprodukten in den Vereinigten Arabischen Emiraten. In enger Kooperation mit dem Sharjah Economic Development Department (SEDD) konnten die Fälschungen bei einer Razzia sichergestellt und zerstört werden. „ Solche Partnerschaften von Unternehmen und Behörden sind entscheidend bei der Bekämpfung von Produktpiraterie", sagt Detlef Schmitz, General Counsel der Grohe AG.

In China konnte der Armaturenhersteller zusammen mit der Administration of Industry and Commerce (AIC) in den letzten Jahren tausende von Fälschungen beschlagnahmen. Viele gerichtliche Verfahren seien zugunsten von Grohe ausgegangen. Zu den weiteren erfolgreichen Schritten gehören Zollkontrollrundgänge auf Messen, Abmahnverfahren sowie das Überwachen der Veröffentlichung von Schutzrechtsanmeldungen bei lokalen Patentämtern weltweit. Wichtig sei auch der Ausbau der Schutzrechtsposition, womit die rechtliche Grundlage für alle Maßnahmen gegen Produkt- und Markenpiraterie erst geschaffen werde.

16.04.2012


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