- Contracting kann für Gewerbebetriebe eine interessante Alternative zur traditionellen Stromversorgung darstellen. Doch für viele ist der Begriff noch zu neu, als dass aus dem Trend schon ein Boom wird. Eine signifikante Marktdurchdringung ist erst gegen Ende dieses Jahrzehnts absehbar.
Der Strom von nebenan
Aufgrund der Deregulierung und dem damit verbundenen zunehmendem Wettbewerb in ihrem Kerngeschäft erschließen Energieversorgungsunternehmen alternative Geschäftsfelder und entwickeln sich damit hin zu Energiedienstleistern. Insbesondere Contracting steht im Fokus der Anbieter. Im Rahmen der aktuell erstellten Studie „Der Markt für Kleinanlagen-Contracting bis 2020" (die Studie erstellte die Firma Trendresearch GmbH, Bremen, 2. Auflage) wurden insgesamt 100 strukturierte Interviews geführt – unter anderem mit Contractoren, Gewerbebetrieben und Installateurunternehmen sowie öffentlichen Einrichtungen und anderen Experten. Um Potenziale des Contracting sowie dessen Marktvolumen zu ermitteln, wurde im Rahmen der Studie eine Befragung zu Bekanntheit und Anwendungsformen des Contracting durchgeführt. Bei der Erhebung zeigte sich, dass 61 Prozent der befragten Zielkunden diesen Begriff kennen und darunter das Anlagen-Contracting sowie Wärmeliefer-Contracting verstehen.
Während in der energieintensiven Industrie vor allem Finanzierungs- sowie Einsparprojekte genutzt werden, stehen im Kleinanlagen-Contracting die Anwendungsformen Energieliefer-Contracting sowie das technische Anlagenmanagement im Interesse der Nutzer. Aus Sicht der Anbieter von Contracting-Leistungen im Bereich der Kleinanlagen gehören kleine Gewerbebetriebe (50 %) zu den wichtigsten Zielkundengruppen (siehe Grafik). Seltener genannt werden öffentliche Einrichtungen und Immobiliengesellschaften, auf diese Zielgruppe konzentrieren sich fast ausschließlich die großen überregionalen Contracting-Anbieter. Das Kernprodukt stellt die Wärmelieferung dar: Alle befragten Anbieter haben diese in ihr Portfolio aufgenommen. Als weitere Dienstleistungen werden Klimatisierung/Kältelieferung (50 %) sowie Beleuchtung, Strom-, Dampf- und Druckluftlieferung angeboten.
Während Contracting-Angebote in der energieintensiven Industrie längst zum Standardangebot von Energieversorgern gehört, handelt es sich bei Kleinanlagen (bis 50 kW) um ein recht neues Geschäftsfeld. Erste Produkte sind erhältlich, und Marktakteure erwarten noch ein großes Ausbaupotenzial.
Bei der Betrachtung der Gesamtzahl an vorhandenen Gewerbebetrieben fällt auf, dass Contracting durchschnittlich nur bei weniger als einem Prozent zur Anwendung kommt. Bis 2020 verdoppelt sich die Gesamtzahl der im Contracting in Betrieb befindlichen Kleinanlagen: Betrug sie 2010 rund 25 500, so steigt sie im Trendresearch-Referenzszenario auf über 52 000. Ausgehend von einem Gesamtvolumen von zirka 110 Mio. Euro 2010 erreicht das Marktvolumen für Contracting im Kleinanlagenbereich im Referenzszenario im Jahr 2020 einen Wert in Höhe von etwa 300 Mio. Euro (inklusive Energieumsatz). Daraus ergeben sich Wachstumsentwicklungen für das Kleinanlagen-Contracting von jährlich rund sechs Prozent im Referenzszenario.
Schaut man über die Grenze, stellt man fest, dass Contracting auch in der Schweiz noch ein relativ junger Markt ist und die Angebote bisher nur langsam auf Nachfrage treffen. So stehen mehr als einer Million Energieversorgungsanlagen aktuell nicht einmal 3000 Contracting-Verträgen gegenüber. Im Zuge der bereits für Großkunden begonnen Deregulierung und dem dadurch zunehmenden Wettbewerb im Kerngeschäft werden neue und kernfernere Geschäftsfelder durch Energieversorgungsunternehmen, vor allem Stadtwerke und Genossenschaften, erschlossen. Die Bedeutung von Contracting steigt – und Energieversorger entwickeln sich hin zu voll versorgenden, serviceorientierten Energiedienstleistern. Derzeit wird die Marktentwicklung vor allem durch die geringe Bekanntheit und die dementsprechend wenigen Erfahrungen, die mit diesem Modell bisher gesammelt werden konnten, gebremst. Eine weitere Schwierigkeit liegt in der fehlenden Definition oder Norm des Begriffs selbst, so dass dieser sich momentan noch nicht durchsetzen kann.
Das Image von Contracting in der Schweiz hat sich in den letzten Jahren leicht verbessert. Es wird zunehmend als eine einfache Form der Finanzierung angesehen. Zudem wird das qualifizierte Fachpersonal geschätzt, welches in den eigenen Einrichtungen manchmal fehlt.
Die Zahl der Anbieter ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Ein gutes Image – das wird insbesondere von der Anbieterseite deutlich hervorgehoben – kann bei Kunden Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und die Zuverlässigkeit hervorrufen und somit den Erstkontakt auf Grund eines gewissen Vertrauensvorschusses erleichtern. Über die Hälfte der Contractoren schätzen die Lage so ein, dass sich das Image von Contracting in den letzten Jahren positiv entwickelt hat. 25 Prozent der Contractoren sind der Ansicht, dass es zu einer vermehrten Marktaufklärung gekommen ist.
Im Referenzszenario der Studie gewinnt der Markt erst nach der vollendeten Liberalisierung des Energiemarktes ab 2015 wirklich an Dynamik, so dass ab diesem Zeitpunkt jährlich knapp 150 Anlagen in Contracting genommen werden. Bis dahin ist eher von einer langsamen Verbreitung auszugehen. Energieversorger, insbesondere kommunale Stadtwerke, werden in Zukunft stärker in den Markt eintreten, gleichzeitig werden aber auch einige unabhängige Anbieter aufgrund geringer Wachstumschancen Contracting nicht länger anbieten. Im Hinblick auf den Umsatz (inklusive Energieumsatz) bedeutet dies einen Anstieg von heute 18 Mio. CHF auf rund 44 Mio. CHF im Jahr 2020.
Betrachtet man die Marktentwicklung differenziert nach einzelnen Kundengruppen, fällt auf, dass die größten Steigerungen in der verarbeitenden Industrie und bei Kommunen zu erwarten sind. In der verarbeitenden Industrie wird im Referenzszenario im Jahr 2020 eine Anlagenanzahl von rund 1200 und einen Gesamtumsatz (inklusive Energielieferung) in Höhe von knapp 17 Mio. CHF erreicht. Wie beim Gesamtmarkt verläuft die Steigerung langsam. ks
